Eifer sucht
Der Weg nach Hause führt mich vom Bahnhof durch den kleinen Park. Es ist nicht die kürzeste Route nach Hause, aber die schönste und ruhigste. Nach der anstrengenden Reise in überfüllten Zügen genieße ich die Stille und lege mir die schwere Reisetasche auf die andere Schulter.
Die Stadtkrähen sitzen in den Kronen der Bäume. Ihr Kra-Kra erinnert mich an den nahenden Winter. Auf dem Boden liegendes Herbstlaub dämpft meine Schritte. Rot leuchtende Hagebuttensträucher säumen den Weg. Die Sonne steht tief am Horizont und beleuchtet scharf die Umrisse der Bäume davor. Hin und wieder kann ich durch sie hindurchsehen auf die andere Seite des Parks. Dort liegt ein kleiner See und ich halte während des Gehens Ausschau nach den diesjährigen Jungen der Schwanenfamilie. Aber sie sind nicht zu sehen. Vielleicht schwimmen sie gerade irgendwo auf dem See.
Dafür erkenne ich eine andere mir bekannte Silhouette. Abrupt bleibe ich stehen. Meine Frau erkenne ich sofort an der leuchtend blauen Jacke, die ich ihr bei unserem letzten Einkaufsbummel bezahlt habe. Vor ihr steht ein Mann in dunkler Hose und Jacke. Leider erkenne ich nur seinen Rücken. Was machen die beiden hier? Sie halten sich an den Händen, scheinen zu lachen, aber ich kann soweit weg nichts verstehen. Wer ist er? Jetzt umarmen sie sich! Hab ich es doch gewusst! Ich hätte nicht wegfahren sollen! Vorsichtig gehe ich ein paar Schritte zurück, um mich hinter den Hagebuttensträuchern zu verstecken. Mehrmals atme ich ein und aus, um mich etwas zu beruhigen. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals.
Links von mir zieht sich eine Reihe von noch dicht belaubten Holunderbüschen, durchsetzt mit Ebereschen. Perfekt. Hinter dieser Reihe getarnt, schleiche ich mich quer über die Rasenfläche an die beiden Gestalten heran. Denen werde ich es zeigen. Den hau ich ungespitzt in den Boden. Meine Wut wird immer größer. Wie kann er es wagen, mir meine Frau auszuspannen! Am letzten Busch, der mich noch von meiner Frau und ihrem Liebhaber trennt, lasse ich meine Tasche fallen, trete mit einem großen Schritt hinter dem Mann auf den Weg und rufe: „Na ihr Zwei, was macht ihr hier? Hab ich euch überrascht!“
Meine Frau springt erschrocken einige Schritte zurück und erstickt einen Schrei mit der auf den Mund gepressten Hand. Kreidebleich steht sie da, ertappt. Befriedigt lächle ich in mich hinein. Mein Vorhaben ist aufgegangen.
Nur mit der Reaktion des Mannes habe ich nicht gerechnet. Schwungvoll dreht er sich um und verpasst mir, ehe ich überhaupt reagieren kann, eine Ohrfeige, die sich gewaschen hat. Kurz geh ich in die Knie. Aua, das tut weh! Ich sehe auf in sein Gesicht und siedend heiß brennt sich eine Erkenntnis in mein Gehirn.
Vor mir steht die beste Freundin meiner Frau!
Das Rennen
Melanie klopft das Herz bis zum Hals. Die wogende Masse vor der Startlinie versetzt sie in Angst. Sie schwitzt schon, bevor das Rennen überhaupt angefangen hat. Zum Glück bieten die Stände abseits Wasser für die Läuferinnen und sie trinkt gegen ihre aufsteigende Panik an. Jetzt rumort auch noch ihr Magen! Na prima, das fehlt ihr noch, so knapp vor dem Startschuss. Die Toiletten sind zum Glück nicht weit weg.
Noch 15 Minuten. Nach Erledigung sucht sie sich den Weg zurück in ihren Startblock ganz hinten. Rings um sie lachende, schwatzende Frauen in Gruppen zusammenstehend. Schlanke Frauen in bunter, hautenger Sportbekleidung, durchtrainiert. Melanie zerrt ihr T-Shirt mit der Startnummer immer wieder nach unten, damit es ihren Bauch bedeckt. In ihrer Radlerhose fühlt sie sich dick und unförmig.
Noch 10 Minuten. Was hat sie sich eigentlich gedacht, hier mitzumachen? Vor zwei Monaten hat sie mit dem Laufen begonnen, weil ihr Arzt ihr eindringlich ins Gewissen geredet hat. Er war es auch, der ihr sagte, dass die Anmeldung bei einem Laufwettbewerb sie bei der Stange halten würde. Nun steht sie hier, kurz vor ihrem ersten Wettkampf. Bei dem Gedanken an den Wettkampf bildet sich sofort ein Kloss in ihrem Hals. Sie hockt sich hin, um noch einmal den festen Sitz der Schnürsenkel an ihren Laufschuhen zu kontrollieren.
Noch 5 Minuten. Ihr Herz rast, ihre Hände schwitzen, ihr Mund ist trocken. Aber jetzt kann sie nicht mehr zu den Wasserständen gehen! Hände legen sich um ihre Schulter. Erschrocken dreht sich Melanie um und sieht in das lächelnde, entspannte Gesicht von Patrick. „Hi, Mel. Ich wollte dir noch schnell alles Gute für den Lauf wünschen. Du schaffst das! In den letzten Wochen hast du intensiv trainiert. Du bist soweit! Hab Vertrauen in dich! Ich werde an der Ziellinie auf dich warten.“ Er drückt ihr einen Kuss auf die Stirn. „Bis gleich im Ziel!“ Kurz darauf ist er aus ihrem Blickfeld entschwunden. Wärme breitet sich in ihrem Innern aus.
Startschuss. Überall kribbelt es in ihr. Der Tross vor ihr setzt sich in Bewegung, erst langsam, dann immer zügiger. Im Nu zieht sich das bunte Feld der Läuferinnen auseinander.
Melanie rennt schneller als ihr gut tut, um den Anschluss zu halten. Ihr Atem geht nach wenigen Minuten wie ein Presslufthammer. Beginnendes Seitenstechen warnt sie, langsamer zu werden. Links und rechts des Weges feuern die Zuschauer die Starterinnen an. Der Schweiß rinnt ihr übers Gesicht und den Rücken. Das T-Shirt klebt Melanie am Körper, aber darum kann sie sich jetzt nicht kümmern. Sie versucht verzweifelt ihren Rhythmus zu finden. Die Feuerwehr steht an der Seite und duscht die vorbeikommenden Läuferinnen ab.
Kalte, erfrischende Wassertropfen perlen über ihr Gesicht und spülen den Schweiß ab. Schlagartig macht sich Frieden in Melanie breit. Ihr Atem beruhigt sich. Bei einem kurzen Blick zurück sieht sie, dass sie nicht die Letzte im Feld ist, im Gegenteil. Etliche Läuferinnen sind noch hinter ihr. Das gleichmäßige Tappen ihrer Füße bringt ihr Sicherheit. Nun hebt sie auch den Blick und nimmt zum ersten Mal nach dem Start die vielen Zuschauer an der Strecke richtig wahr. Alle jubeln und feuern die Läuferinnen an. Die Laufstrecke führt durch einen großen Park. Die breiten Kronen der Eichen am Wegrand spenden wohltuenden Schatten in der vormittäglichen Julihitze. Ein großes Glücksgefühl breitet sich in Melanie aus. Weiter vorn kommt eine engere Passage.
Eine geschwungene Holzbrücke führt über den Zulauf zu einem kleinen See. Dicht gedrängt stehen die Zuschauer. Melanie läuft am Rand des Feldes und kommt an einer Gruppe Halbwüchsiger vorbei. Sie lachen und zeigen auf sie. Wortfetzen dringen zu ihr: „Guckt euch mal diese Buttergolem da an, die schafft das nie ins Ziel!“ Was das Wort bedeutet weiß Melanie nicht, aber sie kann es sich denken. Ihr wird siedend heiß und der Atem unregelmäßiger. Schnell läuft sie weiter, über die Brücke auf die andere Seite des Flüsschens. Dort holt sie tief Luft und ärgert sich über sich selbst. „Was soll das“, denkt Melanie. „Warum lasse ich mich von denen beeinflussen? Ich habe trainiert. Patrick ist überzeugt, dass ich es kann. Ich bin dabei, mein Leben zu ändern! Also vorwärts!“
Weiter vorn lässt sich schon das Zielband ausmachen. Die Rufe der Menschen, die die Läuferschar jetzt hinter Absperrbändern anfeuern, tragen Melanie fast von selbst dem Ziel entgegen. Alles ist auf einmal leicht, das Laufen, das Atmen, das Leben, sie selbst. Sie lacht mit den anderen Menschen, freut sich und rennt über die Ziellinie. Der Monitor zeigt ihr ihre Zeit an, aber die ist vollkommen nebensächlich. Patrick kommt ihr entgegen und umfängt sie mit seinen starken Armen. „Gut gemacht, Mel! Du hast es geschafft, so wie ich es dir prophezeit habe.“
Sein Kuss landet weich auf ihren Lippen. Das Leben ist schön und sie hat ihren ersten 5km-Lauf geschafft!
Kürzestgeschichte - Beim Arzt
Regen prasselt auf die Erde, graue Wolken ziehen am Himmel. Der böige Wind in den Straßenschluchten fegt das Laub vor sich her.
Menschen, unter Schirmen und Kapuzen versteckt, umgehen dicke Pfützen auf dem Gehweg. Ich widerstehe der Versuchung hineinzuspringen. Trete nur, dass das Wasser spritzt und freue mich diebisch.
Lange Schlange vor der Anmeldung beim Arzt, volles Wartezimmer. Genervte Leute, die keine Zeit haben. Gesichter wie zur Faust geballt. Schlechte Luft. Endlich sitze ich in der Anmeldung, allein mit der Schwester. Sie sieht mich wie der Befehlshaber einer Armee an und ballert ihr Fragen gleich einer Maschinengewehrsalve auf mich.
Höflich antworte ich und lächle die Schwester, die an ihrem Computer hantiert, freundlich an. Irritiert sieht mich die Schwester an, runzelt die Stirn. Langsam entwirren sich die Falten in ihrem Gesicht. Ihre graublauen Augen blicken mich wacher an. Zaghaft streben ihre Mundwinkel Richtung Ohren. Meine Freude spiegelt sich in ihrem Gesicht. „Hier ist Ihre Karte. Nehmen Sie bitte noch im Wartezimmer Platz.“
Der Raum ist heller und wärmer in diesem Moment.
Rezension – Rosamunde Pilcher - „Wintersonne“
Wer die Filme aus dem Fernsehen kennt, wird möglicherweise vor den Büchern zurückschrecken. Aber die Bücher von Rosamunde Pilcher (1924-2019) haben nichts mit den Verfilmungen gemein.
Rosamunde Pilchers Roman „Wintersonne“, erschienen erstmals in deutscher Übersetzung im Rowohlt Taschenbuchverlag im Jahr 2000, war der vorletzte Roman der Schriftstellerin.
Die Heldin der Geschichte, Elfrida Phipps, 62, gerade in den Ruhestand gegangen, kehrt London den Rücken, um nach dem Tod ihres Geliebten in Ruhe ihren Lebensabend in einem kleinen Ort in Hampshire, England, zu verbringen. Sie lebt sich ein, findet Freunde. Als sie nach einer Reise wieder in den Ort zurückkehrt, ist nichts mehr so, wie es war. Ihr weiterer Weg führt sie nach Schottland und durch eine Reihe merkwürdiger Zufälle verkettet sich das Schicksal anderer Menschen beim Weihnachtsfest mit dem ihren.
Das Buch ist ein Hoch auf die Liebe und das Leben in jedem Alter. Es erzählt eine etwas andere Weihnachtsgeschichte. Die Kapitel sind zeitlich und nach der personalen Erzählperspektive klar erkennbar geordnet. Dadurch wissen die LeserInnen, an welcher Stelle der Geschichte sie sich befinden. So werden nacheinander die Hauptfiguren eingeführt, können ihren Weg finden, bis die einzelnen Erzählstränge beim Aufeinandertreffen der Figuren zusammenfinden. Rosamunde Pilcher schrieb spannend, aber unaufgeregt. Das macht das Buch zur unterhaltsamen Lektüre für die überwiegend weibliche Leserschaft ab dem mittleren Alter. Die Spannung wird zum Teil durch überraschende Wendungen in den Kapiteln erzeugt. Zum anderen werden die Romanfiguren lebendig beschrieben, so dass man sofort in die Geschichte eintaucht. Die Beschreibungen der Figuren und Schauplätze sind anschaulich und regen das Kopfkino der LeserInnen an. Rosamunde Pilcher versteht es, mit glaubhaften Gefühlen starke Charaktere zu schaffen. Dagegen zeigen die Filme nur einen gefühlsduseligen Abklatsch.
Die Story zeigt den LeserInnen, dass viel im Leben passieren kann, aber Herausforderungen mit starken sozialen Beziehungen gemeistert werden können. Das Buch gibt Hoffnung und durch die zeitlose Handlung ist die Geschichte auch in der heutigen Zeit immer noch aktuell.
Schwarzer Humor
Hallo, ich bin Selma. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in den deutschen Alpen, wo ich immer noch wohne. Bei uns wird Anstand und Sitte groß geschrieben. Alle Dorfbewohner kennen sich. Nichts bleibt verborgen, auch das nicht, was verborgen bleiben soll. Hinter den Fenstern hängen dichte, fein drapierte Gardinen. Davor blühen fast das ganz Jahr hindurch in Blumenkästen dicht an dicht stehende und hängende Geranien in leuchtendem Rot und Weiß.
Feste werden bei uns traditionell und mit dem gesamten Dorf gefeiert, so auch die Hochzeiten. Die erste Hochzeit, die ich mitfeierte, war die Hochzeit meiner Tante Lucia, der jüngsten Schwester meiner Mutter. In diesem Jahr war ich 14 geworden. Dazu kaufte mir meine Mutter extra ein neues Dirndl in blau und weiß. Nicht, dass ich Dirndl nicht mag. Die Dinger sehen schon schick aus, aber nicht an mir. Zu mir passen besser Jeans, derbe Schuhe und Sweatshirts. Aber um des lieben Friedens willen tat ich meiner Mutter wie immer den Gefallen und zog das Dirndl an. Zu später Stunde, die Hochzeitsfeier war in vollem Gange, rief meine Tante Lucia alle unverheirateten Mädchen und Frauen zu sich, um den Brautstrauß zu werfen. Ihr kennt das sicherlich. Die Frau, die ihn fängt, wird als nächstes heiraten. So sagt man jedenfalls.
Mir lag es fern, mich an dieser Tradition zu beteiligen, aber meine ältere Schwester Grete zog mich mit sich ganz nach vorn. Sie war ganz erpicht darauf, den Brautstrauß zu fangen. Während sie ganz fixiert zu meiner Tante starrte, die sich mit dem Rücken zu uns aufgestellt hatte, schob ich mich langsam Zentimeter für Zentimeter nach hinten. Als meine Tante den Brautstrauß warf, stand ich am weitesten weg. Leider hatte meine Tante einen sehr kräftigen Arm und warf ihn weit über die Köpfe der aufgeregten Frauen. Ich konnte nur noch die Arme heben und ihn auffangen, damit der schöne Strauß nicht auf dem Fußboden landete. Alle drehten sich zu mir um und starrten mich an. Dann klatschten sie und feierten mich lautstark als die nächste Braut. Am liebsten wäre ich im Boden versunken.
Jahr für Jahr gab es weitere Hochzeiten. Keine der Bräute hatte vorher einen Brautstrauß gefangen. Denn was soll ich sagen, der Brautstrauß suchte sich immer wieder den Weg in meine Arme, obwohl ich es keinesfalls darauf anlegte. Immer wieder riefen die anwesenden Frauen auf mich zeigend: „Haha, du bist die Nächste!“ So vergingen die Jahre.
Ich war nun die einzige unverheiratete Frau weit und breit. Statt Hochzeiten gab es immer mehr Beerdigungen. Meine Großmutter starb. Es war meine erste Beerdigung. Wie es der Brauch will, wurde sie im Sarg zum Grab getragen. Der Priester verabreichte die begleitenden Sakramente. Dann schritt meine Mutter zum offenen Grab und warf eine Handvoll Erde auf den Sarg. Ich folgte ihr, warf ebenfalls eine Faust Erde hinein, drehte mich zu den anderen Anwesenden um und rief, wie sie es immer mit mir getan hatten: „Haha, ihr seid die Nächsten!“
Die Wanderin
Das Gewicht des Rucksacks drückte schwer auf die Schultern der Wanderin. Die langen, dunklen Haare klebten in ihrem verschwitzten Gesicht. Die Sonne schien kräftig vom wolkenlosen Himmel. Das Gras rechts und links des staubigen Weges war schon lange verdorrt. Der Staub setzte sich auf und in ihren derben Wanderschuhen fest.
Der Weg führte auf eine Anhöhe. Von hier oben hatte sie eine gute Sicht auf das karge Tal vor ihr. In der Ferne glitzerte der Fluss, zu dem sie wollte. Dann würde alles leichter werden. Während sie schauend inne hielt, nahm sie die Flasche, die außen am Rucksack eingehackt war und trank von dem Wasser darin. Das Wasser schmeckte warm und abgestanden. Die Wanderin tröstete sich damit, dass am Fluss erfrischendes Wasser auf sie wartete. Mit dem Ärmel ihrer karierten Bluse wischte sie sich Haare und Schweiß aus dem Gesicht. Der Abstieg von der Anhöhe war genauso beschwerlich wie der Aufstieg. Ihre Knie taten ihr weh. Der Weg schien kein Ende zu nehmen, aber sie ging weiter, Schritt für Schritt.
Allmählich veränderte sich das Erscheinungsbild der Landschaft im fahlen Licht der Abendsonne. Der Boden wurde feucht, das Gras war grün. Der Wind erwachte und fuhr ihr durch die Haare. Vor ihr tauchte der Fluss auf. Das Wasser strömte kabbelig an ihr vorbei. Sie musste über den Fluss, aber kein Boot, keine Brücke waren in Sicht. Unter dem erdrückenden Gewicht des Rucksacks gaben ihre Beine nach und sie ließ sich ins hohe Gras fallen. Die Wanderin zerrte an den Trägern bis sie frei von der Last war. Erschöpft setzte sie sich in den Schneidersitz. Ihre Arme ruhten auf den Beinen. Sie schloss die Augen und versank in Gedanken.
Mit den letzten Strahlen der untergehenden Sonne stand sie auf und ging die letzten Meter zum Wasser. Ihr Blick war klar, ihr Gesicht entspannt, ihre Haltung entschlossen. Ihre Füße traten auf das Wasser. Unter ihren Fußsohlen spürte sie die Bewegung der Wellen. Ruhig floss das Wasser jetzt dahin und trug sie. Langsam ging sie auf dem Wasser weiter, das andere Ufer fest im Blick. Keiner ihrer Schuhe wurde nass. In der Mitte des Flusses kniete sie sich aufs Wasser nieder und schöpfte mit der Hand kühles, frisches Wasser in ihren Mund. Lächelnd erhob sie sich und ging bis zum anderen Ufer, das grün und schön und überwältigend war.
Eine Kurzgeschichte
Den Dachboden hatte Mara schon lange nicht mehr betreten. Aber es stand alles noch so da, wie es in ihrer Erinnerung war. Ganz hinten an der Wand, von ein paar Spinnweben umrahmt, stand der große Kleiderschrank ihrer Großmutter. Sie drehte den klobigen Schlüssel und die Schranktür öffnete sich knarzend. Ein Schwall abgestandener, nach Lavendel riechender Luft strömte ihr entgegen. Die Wintermäntel ihrer Großeltern hingen an der Kleiderstange eingehüllt in Folie, als wären sie erst gestern dort gelagert worden. Vor dem Schrank hockend, tastete Mara nach dem Karton, den sie vor fast 30 Jahren dort deponiert hatte. Ihre Finger ertasteten eine raue Oberfläche. Sie fuhren darüber, fühlten den Rand des Kartons. Mit beiden Händen zupackend beförderte Mara das schwere Paket nach draußen. Der Karton war mit einer dicken Kordel umwickelt. Sie klemmte ihn sich unter den Arm, schloss den Schrank und ging hinunter ins Wohnzimmer. Dort setzte sie den Karton auf dem Esstisch ab, holte eine Schere und zerschnitt die Schnur. Tief holte sie Atem und hob den Deckel ab. Da lagen sie vor ihr, die Schätze ihrer Kindheit. Ihr Lieblingsbuch „Ulrike“, ihr Stoffmatrose und ihre Manuskripte. Das Buch legte sie beiseite. Der Matrose sah sie aus schwarzen Stoffaugen an. Sie drückte ihn an sich, versenkte ihre Nase in ihn und zog seinen unverwechselbaren Duft ein. Kurz wollten sie Erinnerungen überrollen, aber energisch legte sie die Puppe auf den Tisch. Stattdessen hob sie die Hefte aus dem Karton, 6 an der Zahl, gewichtig in den Händen liegend, die Seiten dicht an dicht vollgeschrieben, Gedichte und Geschichten, geschrieben in ihrer Kindheit. Zart strich sie über die Oberfläche, öffnete wahllos die Seiten, sah ihre kindliche Handschrift. Wehmut kroch in ihr hoch. Mara setzte sich auf den nächstgelegenen Stuhl, nahm ein Heft und ließ sich entführen in eine Welt aus Drachen, Rittern und einer wunderschönen Prinzessin mit langen, braunen Lockenhaaren. Sie schmunzelte über das Gelesene und wünschte sich die kindliche Unbefangenheit zurück, die sie damals gehabt hatte. Es trieb sie, wieder einen Stift in die Hand zu nehmen, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen und einfach zu schreiben. Einfach schreiben - das hörte sich so leicht an. Aber für sie war es nicht leicht. Wo sollte sie anfangen, was sollte sie schreiben, worüber? Diese Fragen quälten sie nun schon so lange, immer drängender. Inzwischen hatte sie es mit Tagebuchschreiben versucht, aber wieder aufgegeben. Vielleicht sollte sie sich ein Notebook kaufen. Damit könnte sie sich ins Cafe setzen und inspirieren lassen. Wenn sie aber ganz ehrlich zu sich selbst war wusste sie, dass das auch nicht helfen würde. Seufzend legte sie die Hefte und das Spielzeug wieder in den Karton. Gerade in diesem Moment klingelte es. Mara ging zur Wohnungstür und öffnete den Möbelpackern die Tür.
„Sie können alles ausräumen. Ich habe die Sachen, die ich behalten wollte, schon beiseite genommen. Alles andere können Sie entsorgen“, gab sie dem Chef der Entrümpelungsfirma zu verstehen.
„In Ordnung. Wir räumen das Haus besenrein, so wie wir es abgesprochen haben. Ich hab Ihre Telefonnummer. Wir rufen Sie an, wenn wir fertig sind. Ich denke, am späten Nachmittag ist alles erledigt.“
Mara nahm den Karton vom Tisch und ging zu ihrem Auto. Tränen stiegen in ihr hoch, Erinnerungen schafften sich Bahn. Da vibrierte ihr Telefon. Auf dem Display sah sie die Nummer ihrer Freundin Simone.
„Hallo Simone.“ Sie versuchte ihre Stimme fest klingen zu lassen.
„Sind die Möbelpacker schon da?“, antwortete die vertraute Stimme.
„Ja. Ich hab sie grad reingelassen. Bin jetzt im Auto und wollte losfahren.“
„Schatz“, hörte sie ihre Freundin am anderen Ende sagen. „Du solltest jetzt nicht allein sein. Komm zu mir! Ich hab frische Brötchen gekauft. Du hast doch heute bestimmt noch nichts gegessen. Wir machen ein spätes Frühstück, oder Brunch. Komm her!“ Mara musste schmunzeln. Ihre Freundin konnte manchmal ganz schön energisch sein.
„Ok. Bin auf dem Weg. Viertel Stunde ungefähr.“ Sie legte auf und startete das Auto.
Das Wohnzimmer war erfüllt von Kaffeeduft. Draußen vorm Fenster saß schilpend ein Schwarm Spatzen im Geäst der Linde. Die Sonne erhellte den Raum.
„Möchtest du noch einen Kaffee?“, riss Simone Mara aus ihren Gedanken.
„Nein, danke. Wenn ich noch einen trinke, kriege ich einen Herzinfarkt.“
„Iss dein Brötchen zu Ende. Du musst was essen. Deine Großmutter hatte ein langes und erfülltes Leben. Es bringt nichts, wenn du jetzt verhungerst.“ Energisch schob Simone Mara`s Teller näher zu ihr. Mara fing an zu lachen, lachte immer lauter und konnte gar nicht mehr aufhören. Sie hielt sich den Bauch vor Lachen, der schon anfing weh zu tun. Simone guckte völlig konsterniert. Das brachte Maja noch mehr zum Lachen. Schließlich stimmte Simone in das Lachen ein, weil sie gar nicht anders konnte. Mara´s Lachen steckte einfach an. Lachtränen kullerten über Mara’s Gesicht. Ein paar Minuten später beruhigten sich die Gemüter wieder.
„Du bist schlimmer als meine Mutter!“, gluckste Mara.
„Ja, ich weiß“, erwiderte Simone. „Da kann ich einfach nicht aus meiner Haut. Ich will ja nur, dass es dir gut geht, mein Schatz.“
„Vielen Dank für das Frühstück. Es war schön, dass wir uns gesehen haben. Ich mach mich jetzt los. Muss noch ein paar Dinge erledigen.“ Mara stand auf und drückte ihrer Freundin einen Kuss auf die Wange.
„Warte, ich bringe dich noch zum Auto.“
Simone öffnete Mara die Autotür und entdeckte das Päckchen auf dem Beifahrersitz.
„Erinnerungsstücke aus dem Haus?“, fragte sie.
Mara öffnete den Karton und zeigte Simone den Inhalt. Interessiert nahm Simone die Hefte heraus und blätterte darin, las hin und wieder ein paar Stellen.
„Das hast du als Kind geschrieben?“
„Ja, als ich ungefähr 9 oder 10 Jahre alt war.“
„Das ist gut.“ Simone nickte anerkennend. „Du solltest wieder schreiben, du kannst das!“
„Tatsächlich habe ich schon länger darüber nachgedacht, wieder zu schreiben.“ Mara legte die Sachen wieder zurück in den Karton und legte den Deckel darauf.
„Warum machst du es dann nicht?“ Mit ihrer unnachahmlichen Art steckte ihre Freundin den Finger in die Wunde.
„Ich kann es nicht.“ Mara resignierte.
„Klar kannst du!“ Simone sah Mara prüfend an. „Warum schreibst du nicht ein Buch über deine Großmutter? Wie sie deinen Großvater im Lazarett kennen gelernt hat und all das, was du mir von ihr erzählt hast. Damit behältst du sie in Erinnerung.“
Mara runzelte die Stirn. Das war eigentlich die Idee. Sie würde alles aufschreiben, was ihre Großmutter ihr in den vergangenen Jahren erzählt hatte.
„Simone, du bist ein Genie! Ich danke dir tausendmal, aber jetzt muss ich los!“
Ja, sie würde sich ein Notebook kaufen, heute noch, jetzt sofort. Kein teures, nein. Man musste nur ordentlich darauf schreiben können. Also ein Schreibprogramm brauchte sie. Aber das war ja wohl Standard. Sie würde sich im Wohnzimmer ans Fenster setzen, an den kleinen Tisch aus dem Haus ihrer Großmutter und würde schreiben. Mit einem Mal fielen ihr Wörter, Sätze ein. Sie sprudelte vor Kreativität und ihr war leicht ums Herz wie schon lange nicht mehr.
Das Märchen "Die Schmiedetochter"
Es war einmal vor langer, langer, sehr langer Zeit eine Schmiede in einem kleinen Dorf am Rande eines großen dunklen Waldes. Der alte Schmied hatte keine Söhne, weshalb seine einzige Tochter ebenfalls das Schmiedehandwerk erlernt hatte und bald die Werkstatt ganz übernehmen würde. Der alte Schmied wünschte sich nur eines noch, einen tüchtigen Schwiegersohn für sich und guten Mann für seine Tochter. Aber bisher hatte sie alle Bewerber abgewiesen.
Eines Tages geschah es, dass ein Trupp Jäger im Dorf Station machte. Der Anführer des Trupps war ein wunderschönes, großgewachsenes Mädchen mit flachsblonden Haaren bis zum Po. Wie der Zufall es wollte, fragten sie zuerst beim Schmied um ein Quartier für die Nacht. Die Männer erhielten den leeren Ziegenstall zugewiesen. Die Schmiedetochter indes teilte sich in dieser Nacht seine Kammer und das schmale Bett mit der hübschen Anführerin. Und weil es doch ziemlich kalt war, da der Winter schon recht nahe war, hielten sich die beiden fest in den Armen und wärmten sich ordentlich aneinander.
Am nächsten Morgen machte sich der Trupp auf zur Jagd in den tiefen, tiefen, sehr dunklen Wald hinter der Schmiede. Zurück blieb eine traurige Schmiedetochter. Aber sie wusste nicht, warum sie traurig war.
So vergingen die Tage und Wochen. Der Wald hinter der Schmiede war nun dick mit Schnee bedeckt. Die Schmiedetochter arbeitete fleißig in der Schmiede, aber sie wurde immer trauriger. Dem Vater war das nicht entgangen. Er rief seine Tochter zu sich und sagte:
„Mein Kind, ich bin nicht blind und taub. Mir ist aufgefallen, dass du in den letzten Wochen immer trauriger wurdest und deine Seufzer in der Nacht konnte ich nicht überhören. So nimm ein Stückchen Brot und geh in die Welt hinaus, dein Glück zu finden. Und wenn du es gefunden hast, so kehre hierher zurück. Ich werde auf dich warten.“
Die Schmiedetochter wickelte einen Laib Brot in ein Tuch, band es sich auf den Rücken, umarmte den Vater und schritt mutig voran in den weiß verschneiten, tiefen, tiefen Wald.
Ihre Sehnsucht trieb sie voran, ohne dass sie wusste wonach sie suchte.
Um besser durch den Schnee stampfen zu können, hatte sie sich Schneeschuhe unter die Füße gebunden. Damit kam sie gut voran. Hoch über ihr erschienen die ersten Sterne am Himmel.
Plötzlich tat sich eine Lichtung vor ihr auf. Auf der Lichtung lag kein Schnee. Im Gegenteil verströmten bunt blühende Pflanzen einen wohltuenden Duft. Die Luft war warm und helle Strahlen flirteten, als würde von irgendwo eine Sonne scheinen. Sie schnallte die Schneeschuhe ab. Auf der Mitte der Lichtung stand eine Holzhütte. Freudig überrascht ging sie dem Häuschen entgegen in Erwartung, dort die Nacht verbringen zu können. An der Tür klopfte sie laut an und wartete. Die Tür öffnete sich und die Schmiedetochter erblickte einen hübschen Jüngling. Er bat sie herein. In der Hütte gab es nur ein Zimmer, mit einem großen, weichen, kuscheligem Bett, einem Tisch mit 2 Stühlen und einem warmen Herd, auf dem ein Topf stand, aus dem ein appetitlicher Geruch aufstieg. Der Jüngling bat die Tochter sich zu setzen und sein Bündel abzulegen. Er stellte 2 Teller auf den Tisch und holte den Topf vom Herd. Die Schmiedetochter leckte sich hungrig die Lippen, als der Jüngling die schmackhafte Suppe auftat. Nach dem Essen wurde die Schmiedetochter zunehmend müde. Ihr Kopf sank auf den Tisch und sie fiel in einen tiefen Schlaf. Der Jüngling hob sie hoch in seine Arme und trug sie auf das breite, weiche Bett. Dort bettete er sie in eine weiche Daunendecke, legte sich zu ihr, hielt sie fest in den Armen und gab ihr einen Kuss auf ihren roten Mund.
„Nun bist du mein. Ich lass dich nie wieder gehen“, flüsterte an ihrem Ohr.
Wohlig rekelnd erwachte die Schmiedetochter und schaute in das liebevoll lächelnde Gesicht des Jünglings. Er gab ihr einen Kuss, stand auf und deckte den Tisch für ein reichliches Frühstück. Alles, was die Schmiedetochter gern essen mochte stand da. Der Jüngling reichte ihr die Hand und schob den Stuhl für sie zurecht.
So verging die Zeit und der Jüngling verwöhnte sie über alle Maßen. Je mehr Zeit verstrich, desto größer wurde aber ihre innere Unruhe. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Die Schmiedetochter wandte sich an den Jüngling:
„Lieber Jüngling, du verwöhnst mich jeden Tag mit deiner Liebe. Es tut mir leid, aber in mir wächst eine Sehnsucht, die von dir nicht gestillt werden kann. Ich muss fort und weiter ziehen. Bitte lass mich gehen.“
Der Jüngling antwortete:
„So lass ich dich gehen schöne Schmiedetochter. Zieh und find dein Glück, dass ich dir nicht geben kann.“
Die Schmiedetochter nahm ihr Bündel, umarmte den Jüngling und schritt von dannen. Am Rand der Lichtung war ein Schritt auf grünem Rasen in warmer, duftiger Luft, der nächste Schritt führte sie in die eisige Kälte des dick verschneiten Waldes. Knietief stapfte sie trotz der Schneeschuhe durch den kalten, weißen Schnee. Viele, viele Stunden wanderte sie angestrengt. Manchmal kam sie kaum voran, weil sie in Schneewehen versank. Aber sie arbeitete sich immer wieder daraus hervor. Ihre Hände waren eiskalt, ihre Füße spürte sie kaum noch.
Endlich erreichte sie das Ende des Waldes. Vor ihr lag ein Weg mit einer Gabelung, von der drei weitere Wege abgingen. Wohin sollte sie sich wenden? Alle Wege sahen gleich aus. In der Ferne sah die Schmiedetochter auch keine Anhaltspunkte, die ihr die Entscheidung darüber, welchen Weg sie nehmen sollte, erleichtern würde. In ihrer Verzweiflung, was sie tun sollte, setzte sie sich auf einen großen Stein am Wegrand, schlug die Beine unter und schloss die Augen. Gegen ihre Angst, Müdigkeit und Verzweiflung ankämpfend, atmete sie ganz langsam ein und aus, ein und aus, ein und aus. Langsam wurde sie ruhiger. Ihr Atem ging gleichmäßiger. Sie versank in der Stille, die rings um sie herrschte. Konzentrierte sich ganz auf sich, ihre Empfindungen, auf das hier und jetzt.
Mit einem Mal erschien ihr eine weiße, alte Frau, die sie liebevoll ansah. Sie sah der Schmiedetochter ganz tief in ihre Augen und sprach:
„Was du suchst, findest du in dir selbst. Höre in dich hinein, auf dein Herz und du wirst wissen, was zu tun ist.“
Die weiße Frau verschwand und die Schmiedetochter hörte in sich hinein und auf ihr Herz.
Plötzlich wusste sie, wonach sie suchte. Ihr wurde bewusst, warum sie alle bisherigen Bewerber abgewiesen hatte. Die hübsche Anführerin der berittenen Jäger ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Nach ihr sehnte sich ihr Herz. Und sie wusste auch, wohin sie sich jetzt wenden musste. Ihr Herz zog sie auf den linken Weg. So erhob sie sich behend, schnürte ihr Bündel auf den Rücken und begab sich auf den Weg.
Der Weg führte sie wieder tief in den verschneiten Wald hinein. Viele Stunden ging sie. Wenn sie Durst hatte, schmolz sie etwas Schnee in ihren Händen. Gegen den nagenden Hunger aß sie ein paar Flechten von den Bäumen. So kämpfte sie sich immer weiter. Endlich kam sie aus dem Wald heraus und erblickte vor sich ein kleines Schloss. Ihr Herz zog sie unaufhörlich weiter. Endlich kam sie am großen Tor der Schlossmauer an. Das Tor war mit einer dicken eisernen Kette verschlossen. Die Schmiedetochter klopfte laut an. Da ertönte von irgendwoher eine tiefe Stimme:
„Schmiedetochter, was willst du?“
„Hallo. Ich möchte Einlass ins Schloss. Mein Herz sagt mir, dass ich hier die schöne Jägerin finde, mit der ich das Bett geteilt habe.“
„Was willst du von der Jägerin?“
„Ich habe mich verliebt in sie und wenn sie mich auch liebt, dann möchte ich sie heiraten. Lasst mich ein zu ihr!“
„Du bist aber kein Mann!“
„Nein, das bin ich nicht. Aber ich kann sie auch beschützen und ernähren und lieben sowieso! Lasst mich ein!“
Die Schmiedetochter trommelte mit den Fäusten an das große Tor.
„Na, na, nicht so stürmisch, junge Frau! Zuerst musst du dich ihrer würdig erweisen und die Kette vor dem Tor entzwei schlagen!“
Die tiefe Stimme grollte über die Schmiedetochter hinweg, aber sie konnte niemanden entdecken.
„Du findest hinter dir alles, um ein gutes Schwert zu schmieden. Wenn du es in 3 Tagen schaffst, so kannst du damit die Kette zerschlagen und dir holen, was du begehrst. Gelingt es dir nicht, so wirst du für ewig die Hufe unserer Pferde beschlagen. Also Schmiedetochter, du hast 3 Tage!“
Die Schmiedetochter drehte sich um und erblickte eine offene Hütte mit Schmiedeofen, Amboss, Hämmern und allem, was man als Schwertschmied so braucht.
Die Schmiedetochter machte sich sogleich an die Arbeit. Als erstes heizte sie die Esse ordentlich an. Dann besah sie sich die bereitliegenden Materialien und wählte gezielt die aus, die sie für das gewünschte Ergebnis brauchen würde. Nun begann sie mit der arbeitsintensiven Vorbereitung des Eisens. Faltete es immer wieder. Schweißperlen rannen in Strömen vom Gesicht der Schmiedetochter. Aber hier an der Esse und am Amboss, mit dem Hammer in der Hand, fühlte sie sich wohl und vertraut. Diese Arbeit kannte sie seit ihrer Kindheit. Sie musste sich sputen. Drei Tage waren nicht viel Zeit für ein starkes, solides Schwert. Die Schmiedetochter gönnte sich keinen Schlaf, aß kaum etwas, sondern arbeitete ununterbrochen an ihrem Schwert.
Der dritte Tag war schon weit fortgeschritten, als sie endlich die letzten Arbeitsschritte abschloss und das glänzende Schwert in die letzten Strahlen der untergehenden Sonne hielt. Stolz betrachtete sie ihr Werk und schwang das Schwert prüfend durch die Luft. Es lag gut in der Hand und sirrte durch die Luft.
Beherzt trat die Schmiedetochter zum Schlosstor, nahm das Schwert hoch über dem Kopf in beide Hände und schlug mit aller Kraft, die sie aufbieten konnte, auf die Kette ein. Diese zersprang in 2 Teile und gab das Schlosstor frei, dass langsam aufschwang. Als der Spalt groß genug für die Schmiedetochter war, schlüpfte sie durch das Tor und stand auf dem weitläufigen Schlosshof. Ihr Blick ging prüfend zum Himmel. Es blieb nicht mehr viel Zeit. Sie rannte über den Hof zum Schlosseingang. Dort trat die hübsche junge Frau mit den langen, blonden Haare heraus. Aber jetzt trug sie ein langes Kleid und eine Krone auf ihrem Kopf.
„Schmiedetochter, ich grüße dich. Du hast dich meiner würdig erwiesen und ein Schwert mit deinen eigenen Händen geschaffen, das seinesgleichen sucht!“
Erstaunt hörte die Schmiedetochter diese Worte. Sie kniete sich vor die junge Frau nieder, nahm ihre Hände in die ihren und sagte:
„Meine hübsche Jägerin, denn nur so kenne ich dich. Du bist mir nicht mehr aus dem Sinn gegangen, seit wir das Bett teilten. Ich liebe dich! Möchtest du meine Frau werden?“
Die junge Frau zog die Schmiedetochter zu sich empor und umarmte sie fest.
„Ja, ich will deine Frau werden! Ich bin die Königin dieses Reiches und du wirst mit mir an meiner Seite gütig und weise regieren!“
Die Schmiedetochter und die Königin umarmten und küssten sich.
Zu ihrer Hochzeit, die natürlich groß gefeiert wurde, luden sie alle Verwandten, Freunde und das ganze Reich ein, mit ihnen zu feiern. Es wurde ein Fest, wie es schon lange keines mehr gegeben hatte. Den Vater der Schmiedetochter holten sie zu sich ins Schloss, wo er noch ruhig weiter lebte. Die Schmiedetochter schmiedete die berühmtesten Schwerter, die weit über das Königreich hinaus bekannt wurden und viel zum Reichtum des Landes beitrugen.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.
Wahrnehmung mit allen Sinnen
"Verirrt in einer Höhle"
Meine mitgebrachte Fackel flimmerte nur noch zaghaft. Im Schein des letzten Flämmchens erkannte ich meinen Irrtum. Hier würde ich nicht mehr im Hellen herausfinden. Das letzte Licht verglomm und ich stand allein in der Finsternis. Meine Hand ertastete die nahe Felswand. Unter meinen Fingern spürte ich Nässe, die kalt über meine Fingerkuppen ran. Die raue Oberfläche des Steins rieb beim Vorwärtstasten auf der Haut wie grobes Sandpapier. Unter meinen Füßen zeichnete sich eine kleine Welt aus Hügeln und Tälern ab und ich musste aufpassen, nicht zu stürzen. Mit aufgerissen Augen versuchte ich die Dunkelheit zu durchdringen. Nirgends ein Schimmer. Mir brach kalter Schweiß aus und stach in meine Augen. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Gierig zog ich die feuchte Luft in meine Lungen, um nicht zu ersticken. Meine Nackenhaare stellten sich auf. Erschrocken drückte ich mich mit dem Rücken an das eisige Gestein und zog den Bauch ein. Keinen Atemzug wagte ich. Jeden Augenblick schien mich etwas Gefährliches aus dem Dunkeln anspringen zu wollen.
Langsam beruhigten sich meine vibrierenden Nerven wieder. Außer meinem einsetzenden Atem hörte ich nur ein stetiges Patschen von Tropfen. Behutsam löste ich mich vom Fels und stand einfach mit geschlossen Augen da. Einatmen, ausatmen, einatmen...
Ein frostiger Hauch strich über meine linke Wange. Einatmen, ausatmen, einatmen...
Was? Ein Luftzug? Wo kommt der her? Mein Körper drehte sich der Briese entgegen und Schneeatem prickelte auf meinem Gesicht wie eine Sinfonie. An der Wand entlang tastend tappte ich dem Schneeduft entgegen. Selbst auf meiner Zunge schmeckte ich die weiß-bläulichen Kristalle frisch fallenden Schnees.
Je weiter ich mich bewegte, desto klarer filterte meine Zunge die Erinnerung an die weiße Fülle vor der Höhle heraus. Mein Linker Fuß stieß gegen Stein und Schmerz zog klingend bis in die letzte Haarspitze.Eine Felsnase versperrte mir den Weg. Als ich sie schleichend umrundet hatte, glitzerte in der Ferne ein schmaler Punkt. Im ersten Moment schloss ich die Augen, so stach mir dieser Punkt in den Augen. Der Ausgang aus der Höhle! In mir jubilierten ganze Orchester vor Freude.
Die geheime Höhle
Die Vögel tirilierten laut in den frisch ergrünten Laubbäumen. Einer wollte den anderen überbieten mit seinem Balzruf. Ich sog den Waldduft kräftig in meine Lungen, die über die sauerstoffgesättigte Luft jubilierten. Meine Finger streiften über die stark gefurchte Borke der alten Bäume. Gleich nach dem Frühstück war ich zu einer Wanderung aufgebrochen. Der Rucksack trug sich leicht nach dem langen Winter. Die Sonne drängelte ihre Strahlen durch die Baumkronen, um auch den letzten Winkel des Waldbodens zu erwärmen. Ihrem Stand am Himmel nach schien es auf Mittag zuzugehen. Mein Bauch stimmte dieser Vermutung laut knurrend zu.
Unverhofft tat sich der Wald vor mir zu einer Lichtung auf. Ein Stück hin bot mir ein Baumstumpf Gelegenheit, mich zu setzen und meine Beine lang von mir zu strecken. Aus dem Rucksack nahm ich eine Flasche Wasser und mein Paket mit belegten Broten. Mh, war das köstlich. Alles schmeckte intensiver, frischer. Ich genoss die Ruhe des Waldes, kein Autolärm, keine menschlichen Stimmen, kein Beton. Mit einem süßen Apfel, dessen Saft mir übers Kinn spritzte, beende ich die Erfrischung und verließ die Lichtung. Mein Ziel für heute sollte eine Pension sein, die ich vor Sonnenuntergang erreichen wollte.
Ich war noch nicht lang unterwegs, als mir seitlich am Weg ein großer Fels ins Auge fiel, den ich vorher hier noch nie bemerkt hatte. Neugierig umrundete ich ihn und stieß auf der Rückseite auf eine kaum mannshohe Öffnung, die scheinbar tief in den Fels führte. Im Rucksack suchte ich nach meiner Stirnlampe, setzte sie auf und erkundete den Weg ins Innere. Der Pfad war schmal und glitschig und führte allmählich weiter in den Berg. Bemüht, nicht zu stürzen, versuchte ich mich mit den Händen an den kalten, feuchten Wänden abzustützen. So ging ich eine ganze Zeit und überlegte schon umzukehren, als ich weiter vorn ein schwaches Licht wahrnahm.
Nach ein paar Schritten tat sich vor mir eine in den Stein gehauene Treppe auf, die steil nach unten führte. Dort schien es eine Lichtquelle zu geben, die die Treppe so weit ausleuchtete, dass ich meine Stirnlampe ausschaltete. An der Seite hielt ich mich an einem Holzgeländer fest. So stieg ich sicher Stufe für Stufe hinab. Nach einer Biegung erblickte ich unter mir eine riesige Höhle. Die Treppe endete auf einem Sandstrand, der einen See oder ein Meer begrenzte. Die Wellen spielten sanft an die Küste. Über allem lag eine friedliche Stille. Am Ufer stand eine einsame Bank. Darauf saß jemand.
Ich ging vorsichtig auf die Gestalt zu. Der Silhouette nach zu urteilen war es eine alte Frau mit silbrig grauen Haaren, die wellig und lang über ihren Rücken fielen. Sie trug ein langes weißes Kleid. Ihr Kopf drehte sich zu mir und ihr Lächeln lud mich ein, näher zu kommen. Sie stand auf und kam mir entgegen.
Als ich vor ihr stand, nahm sie mich ganz fest in die Arme und sagte: „Willkommen. Ich liebe dich.“
In mir breitete sich ein hoffnungsvoller Frieden aus und ich wusste, ich war zu Hause.
Ein Fahrradunfall mit Folgen
Sabine spürt das Rennrad zwischen den Beinen. Etwas wackelig rollt es über den Weg, leicht lenkig, quirlig wie ein junges Fohlen. Ihr Fahrrad zu Hause benimmt sich da eher wie ein Kaltblut, schwer und stoisch. Je schneller sie die Pedale wirbeln lässt, desto besser kann sie das Rad steuern. Die Weinberge fliegen an ihr vorbei. Laut jauchzt sie auf. Sie hebt das Gesicht in den Fahrtwind, der ihre erhitzte Stirn kühlt und fühlt die Geschwindigkeit, mit der sie zu Tal brettert.
Zur Rechten zieht sich Rebstock an Rebstock dahin. Dicke Trauben grüner und blauer Beeren hängen an ihnen, die ihr das Wasser in den Mund treiben. Die Talsohle erreichend erkennt sie zu spät die Rechtskurve. Aus voller Fahrt drückt sie die Bremshebel, rast um die Biegung. Mit eisernem Griff hält sie den Lenker, bemüht das Fahrrad unter Kontrolle zu bekommen. Kalter Schweiß rinnt ihr übers Gesicht. Ihr Puls jagt. Ihre Füße treten eine imaginäre Bremse in die Pedale. Unverhofft bockt das Rad. Der Himmel dreht sich und steht kopf. Sie nimmt die ziehenden Wolken vorm tiefblauen Hintergrund wahr und schaut ihnen staunend hinterher. Plötzlich schießt der Schmerz in ihr Bewusstsein. In Wellen durchflutet er ihren Körper vom Steißbein aus und nimmt ihr abrupt den Atem.
Mit einem Mal verdunkelt sich der Himmel und eine Stimme dringt an ihr Ohr: „Hallo? Wie geht es Ihnen? Können Sie aufstehen? Soll ich einen Arzt rufen? Sie haben einen ganz schönen Satz gemacht! Wie gut das Sie den Helm tragen!“ Wie ein Fisch auf trockenem Boden schnappt sie nach Luft. „Moment, ich nehme Ihnen den Helm ab.“ Seine Finger fahren an ihrem Kinn entlang und öffnen vorsichtig den Verschluss. Er sieht sie besorgt an. Der Schmerz ebbt etwas ab und sie holt tief Luft: „Au! Was ist nur passiert?“
„Sie kamen um die Kurve geflogen und direkt in mein Vorderrad. Der Schwung hat Sie über den Lenker katapultiert, aber mit einem Salto! Also alle Achtung, Haltungsnote mindestens eine 9,5. Wie geht es Ihrem Allerwertesten? Es ist wohl besser, ich rufe einen Krankenwagen?“
„Nein, keinen Krankenwagen! Es geht schon. Ich muss mich nur sortieren. Können Sie mir helfen, auf die Füße zu kommen?“
Er tritt hinter Sabine, greift beherzt unter ihre Achseln und ehe sie widersprechen kann, steht sie auf ihren Füßen. In Gedanken durchforstet Sabine alle ihre Körperteile. Der Schmerz im Steißbein lässt nach, sonst fühlt sich alles intakt an. Nichts gebrochen, was für ein Glück!
„Sie hatten wirklich Schwein, dass das Gras so hoch steht! Das hat den Sturz abgefedert.“ Beim Blick auf die Räder erschrickt sie. Wie weidwunde Tiere ruhen sie da. Ihr Rennrad ist in alle Richtungen verbogen, genau wie das Vorderrad seines Drahtesels. Die Scherben der Strahler liegen verstreut auf dem Boden. „Damit kommen wir nicht mehr weiter.“ Ihr Retter nimmt sein Handy aus der Hosentasche, tippt und spricht mit jemandem. „Ich habe meinen Sohn angerufen. Er holt uns mit dem Transporter ab. Mein Name ist Frank Lessing, mir gehört das Weingut hier.“ Jetzt sieht Sabine sich ihr Gegenüber genauer an. Ein großgewachsener Mann steht vor ihr in Shorts und halb offenem Hemd. Silbrig-weiße Strähnen ziehen sich durch sein kurzes schwarzes Haar. Sein frischer Teint deutet auf viel Bewegung an der frischen Luft. Feine Lachfältchen tummeln sich um die grau-blauen Augen, mit denen er sie warm ansieht. Dieser Blick erzeugt Schwingungen in ihrem Körper, wie ein Luftzug in einem Windspiel. Ihr Herzschlag beschleunigt und ihre Wangen erröten. Sabine atmet schneller. Das verschwitzte Trikot klebt unangenehm auf ihrer Haut. Mit der Zunge leckt sie unbewusst über die trockenen Lippen.
„Hallo. Ich bin Sabine Wohlfart. Es tut mir leid wegen Ihres Rads. Ich melde den Unfall gleich meiner Versicherung, wenn ich im Hotel zurück bin. Haben Sie vielleicht einen Stift und Zettel dabei, dann schreibe ich Ihnen meine Daten auf.“ „Nur die Ruhe, das eilt nicht.“ Frank winkt ab. „Da kommt mein Sohn mit dem Lieferwagen. Wir laden die Räder auf und fahren zu mir aufs Gut. Dort erholen Sie sich bei einem Glas Wein von dem Schreck. Mein Rad ist nur ein alter Drahtesel. Den bekomme ich wieder hin.“ Seine Hand streichelt über Sabines Arm. Die Härchen auf ihrem Arm stellen sich auf.
Der Weg führt den Berg hinauf vorbei an hohen Hecken. Nach einer Kurve bleiben die Hecken zurück und Sabine reißt überrascht Augen und Mund auf. Ein Schloss! Da steht ein veritables Schloss! Oder ist es eher eine Festung? Wer ist der Mann, in den sie da geprescht ist? Die gewaltige Fassade schüchtert Sabine ein. Wie ein Gartenzwerg im Reich der Riesen fühlt sie sich beim Anblick des dunklen Gemäuers.
Frank hält ihr die eiserne Eingangstür auf. Die gigantische Empfangshalle begrüßt sie mit kaltem Hauch. Der Stein ringsum atmet Geringschätzung aus. Sabines Bauch grummelt, aber Frank lässt ihr keine Zeit zum Nachdenken. Mit festem Griff führt er sie eine schwarze Marmortreppe hinab. An der Wand erhellen flackernde Fackeln spärlich den Weg. Erschrocken duckt sich Sabine weg, als sie fast in ein tief hängendes Spinnennetz läuft. Am Ende eines langen Ganges drückt Frank die Klinke einer in der Wand kaum erkennbaren Tür. Knarrend gibt sie den Weg frei in einen großen Raum, der nur von einem Kamin in der Ecke erhellt wird. Schwere rostbraune Ledermöbel gruppieren sich um einen Eichentisch. Auf dem Steinfußboden liegen dicke, flauschige Teppiche, die jedes Schrittgeräusch schlucken. Dunkle Holzbalken ziehen sich an der Decke durch den Raum. In den Balken stecken Stahlringe, durch die sich dicke Seile wie Schlangen winden. An der Wand hängt ein mannshohes rotes Kreuz. Sabine kriecht Angst den Rücken empor. Wo zum Teufel ist sie hier hingeraten? Wer ist der Mann?
Aus einem in der Wand versteckten Schrank holt Frank eine Flasche Wein und zwei Gläser. Gekonnt öffnet er die Flasche und füllt die Gläser. Feinperlig funkelt der Wein, als Frank den Inhalt im Schein des Kamins betrachtet. Sabine begutachtet das Etikett der Flasche. Es sieht alt und edel aus. Auf einmal fröstelt Sabine in der Kühle des Raumes. Etwas scheint ihren Nacken zu streifen. Jäh dreht sie sich um, aber da ist nichts Greifbares. „Was ist denn?“ Seine sanfte Stimme holt sie zurück. Er legt den Arm um sie und zieht sie zu sich. „Der Raum wirkt sehr einschüchternd und bedrückend, wenn man ihn das erste Mal betritt. Aber du musst keine Furcht haben. Hier feiere ich zu Halloween meine berühmt berüchtigten Partys und ich habe schon angefangen, den Raum zu dekorieren. Es würde mich sehr freuen, wenn du auch mein Gast wärst.“
Sein Mund legt sich auf ihren und küsst sie innig. Ihr Verstand verabschiedet sich.
Anna haut auf den Tisch
"Anna, deck den Tisch!"
"Ja Mutti, ich komme."
Ich bin Anna. Meine Familie, das heißt, meine zehnjährige Tochter Marika und mein Mann, sowie mein Vater, sitzen im Wohnzimmer meiner Eltern und warten auf Kuchen und Kaffee wie jeden zweiten Sonntag. Da kann die Welt untergehen. Zumindest für die Familie ist der Termin fix. Ein paar Mal probierte ich, die Routine infrage zu stellen. Aber das Theater, was meine Eltern dann veranstalteten, von wegen ich wäre undankbar und müsste mich um sie kümmern, hielt ich nicht aus. Also fahren wir pünktlich hin. Die anderen Sonntage verbringen wir bei den Eltern meines Mannes. Es soll ja keiner zu kurz kommen, findet mein Mann. Ich träume davon, einfach mal mit Marika irgendwo hinzufahren. Vielleicht für ein paar Tage an die See reisen. Das Meer sehen, sich mit den Händen in den Sand wühlen und die salzige Luft auf der Zunge schmecken. Dann die Augen schließen und hören, wie die Wellen an den Strand rollen. Dabei tief den Geruch der Küste einatmen. Für mich der Inbegriff für Freiheit und Urlaub.
Ich eile gehorsam in die Küche, nehme meiner Mutter das Tablett aus den Händen, verteile das Geschirr und stelle den Kuchen auf den Tisch. Vater lächelt zufrieden. Mein Mann stiert in den Fernseher. Fußball, gehört auch zu den Wochenenden. Die Spiele darf er nicht verpassen.
Marika gähnt herzhaft und wippt unentwegt auf dem Stuhl hin und her. Ihr ist sterbenslangweilig, wie jeden Sonntag. Sie tut mir leid. Die Sonne strahlt am wolkenlosen Himmel. Vor dem Fenster spielen Kinder Federball. Eine Familie gehört zusammen, sagen meine Eltern.
Vor Marika steht ein Glas Cola. Sie nimmt einen Schluck.
"Trinkst du immer Cola? Das solltest du nicht. Davon wird man dick!" Der Kommentar der Oma trifft einen Nerv bei der Enkelin. Sie sackt auf dem Stuhl zusammen und Tränen kullern über
ihre Wangen. Das scheint die Oma nicht zu kümmern.
Sie kauft die Cola nur, genau wie damals bei mir.
"Sie trinkt selten Cola. Zu Hause gar nicht. Da trinken wir immer Wasser oder ungesüßten Tee", verteidige ich meine Tochter.
"Was macht deine Arbeit?" Diese Frage kommt von meinem Vater.
"Alles in Ordnung. Mein Chef ist sehr zufrieden mit mir. Mir wurde jetzt ein neues, anspruchsvolles Projekt anvertraut. Das macht richtig Spaß." Ich trinke einen Schluck Kaffee und sehe meinen Vater erwartungsvoll an.
"Schön, verpatze es nur nicht! Vielleicht sollte ich demnächst eure Firma besuchen und mich mit deinem Chef unterhalten." Vater sieht mich durch seine dicken Brillengläser an, die seine Augen scharf und groß wie Eulenaugen erscheinen lassen. Was habe ich erwartet?
Das Knäuel in meinem Magen meldet sich wieder und ich schnappe nach Luft. Kalter Schweiß rinnt mir den Rücken herunter und ich fühle mich wieder wie das kleine Kind.
"Wenn du meinst…", antwortete ich und versuche, mir meine Anspannung nicht anmerken zu lassen. Danach verläuft das gemeinsame Kaffeetrinken schweigend. Die Männerblicke sind
im Fernseher versenkt. Als es zu dunkeln beginnt, verabschieden wir uns von meinen Eltern. Ich fahre nicht gern im Dunkeln. Dieses Argument akzeptieren meine Eltern unwidersprochen.
"Mama, ich will nicht mehr zu Oma und Opa fahren!" Wir sind gerade nach Hause gekommen. Marika stehen wieder Tränen in den Augen. Ich umarme meine Tochter liebevoll und küsse ihr
Haar. Ihr Kummer ist auch meiner, denn mir geht es genauso.
"Immer sagt Oma, dass ich zu dick bin, und Opa fragt nur nach der Schule. Was anderes interessiert ihn nicht!“
"Ja Mausi, ich weiß. Aber glaube mir, du bist nicht dick! Du bist genau richtig, so wie du bist!“
"Was quengelt denn Marika schon wieder?" Die tief gefurchte Stirnfalte verrät den Unmut meines Mannes. Er lümmelt auf der Couch, den Kopf dem Fernseher zugewendet und schaut das
Fußballspiel zu Ende. Den Ton hat er lauter gedreht, um ja nichts zu verpassen.
"Sie will nicht mehr mitkommen zu meinen Eltern." Entschuldigend zucke ich mit den Schultern.
"Du lässt dir auch alles gefallen! Du musst mal mit der Faust auf den Tisch hauen! Du bist kein kleines Kind mehr! Und dann heulst du mir die Ohren voll. Diese Diskussion hatten wir doch schon!" Peter rollt entnervt mit den Augen.
"Du stehst mir auch nicht gerade bei! Wenn die Beiden mit dir reden, sagst du auch nur Ja und Amen und lächelst höflich! Ich wünschte mir von dir viel mehr Unterstützung und Beistand. Dir ist dein Fußball wichtiger und, dass dein Leben möglichst stressfrei verläuft. Was ist mit uns, mit unserer Ehe, unseren Wünschen und Hoffnungen?" Vor Erregung werde ich immer lauter. Soviel, dass mir schon lange im Kopf herum geht. Mein Mann stellt den Fernseher noch lauter.
"Jetzt werde nicht wieder hysterisch. Dass du immer so übertreiben musst! Gib dich doch damit zufrieden, wie es ist!" Er schüttelt den Kopf.
In mir kocht unbändige Wut hoch. Der Knoten in mir platzt und ich weiß, was ich tun muss. Ich soll mich zufriedengeben?
"Nein! Damit gebe ich mich nicht mehr zufrieden! Ich habe immer wieder versucht, unsere Probleme mit dir zu klären. Aber ich komme mir vor, als wenn ich gegen eine Wand rede. Von dir kommt nichts zurück. So will ich nicht mehr leben! Ich habe es verdient, glücklich zu sein. Seit Längerem denke ich darüber nach, was ich ändern kann. Jetzt weiß ich es! Ich packe ein paar Sachen und verlasse dich! So will ich nicht mehr leben! Marika kann entscheiden, ob sie mitkommen will. Du wolltest, dass ich mit der Faust auf den Tisch haue. Das tue ich hiermit und kündige diese Ehe und dieses Leben auf! Du entschuldigst Marika und mich nächsten Sonntag
bitte bei deinen Eltern!"
Mein Mann starrt auf den Fernseher. Er rührt kein Glied.
»Eine Sache muss ich noch erledigen!« Am Telefon wähle ich die Nummer meiner Eltern.
»Hallo Vater. Marika und ich ziehen zu Hause aus. Die kommenden Wochen werden wir euch nicht besuchen. Ihr verhaltet euch respektlos uns gegenüber. Das klären wir, wenn wir uns wiedersehen. Aber zuerst unternehmen wir eine lange Reise.«
Ich fühle eine unbändige Freude in mir. Marika und ich packen unsere Sachen und verfrachten alles in mein Auto. Mein Herz puckert aufgeregt. Ein neues Leben wartet auf uns.
»Mama, was machen wir jetzt?« Marika klingt ängstlich.
»Mein Schatz, was hältst du von einer Reise ans Meer?« Ich lächele sie aufmunternd an. Sie nickt heftig mit dem Kopf und strahlt freudig zurück. Unser neues Leben wartet auf uns!