"Anna, deck den Tisch!"
"Ja Mutti, ich komme."
Ich bin Anna. Meine Familie, das heißt, meine zehnjährige Tochter Marika und mein Mann, sowie mein Vater, sitzen im Wohnzimmer meiner Eltern und warten auf Kuchen und Kaffee wie jeden zweiten Sonntag. Da kann die Welt untergehen. Zumindest für die Familie ist der Termin fix. Ein paar Mal probierte ich, die Routine infrage zu stellen. Aber das Theater, was meine Eltern dann veranstalteten, von wegen ich wäre undankbar und müsste mich um sie kümmern, hielt ich nicht aus. Also fahren wir pünktlich hin. Die anderen Sonntage verbringen wir bei den Eltern meines Mannes. Es soll ja keiner zu kurz kommen, findet mein Mann. Ich träume davon, einfach mal mit Marika irgendwo hinzufahren. Vielleicht für ein paar Tage an die See reisen. Das Meer sehen, sich mit den Händen in den Sand wühlen und die salzige Luft auf der Zunge schmecken. Dann die Augen schließen und hören, wie die Wellen an den Strand rollen. Dabei tief den Geruch der Küste einatmen. Für mich der Inbegriff für Freiheit und Urlaub.
Ich eile gehorsam in die Küche, nehme meiner Mutter das Tablett aus den Händen, verteile das Geschirr und stelle den Kuchen auf den Tisch. Vater lächelt zufrieden. Mein Mann stiert in den Fernseher. Fußball, gehört auch zu den Wochenenden. Die Spiele darf er nicht verpassen.
Marika gähnt herzhaft und wippt unentwegt auf dem Stuhl hin und her. Ihr ist sterbenslangweilig, wie jeden Sonntag. Sie tut mir leid. Die Sonne strahlt am wolkenlosen Himmel. Vor dem Fenster spielen Kinder Federball. Eine Familie gehört zusammen, sagen meine Eltern.
Vor Marika steht ein Glas Cola. Sie nimmt einen Schluck.
"Trinkst du immer Cola? Das solltest du nicht. Davon wird man dick!" Der Kommentar der Oma trifft einen Nerv bei der Enkelin. Sie sackt auf dem Stuhl zusammen und Tränen kullern über
ihre Wangen. Das scheint die Oma nicht zu kümmern.
Sie kauft die Cola nur, genau wie damals bei mir.
"Sie trinkt selten Cola. Zu Hause gar nicht. Da trinken wir immer Wasser oder ungesüßten Tee", verteidige ich meine Tochter.
"Was macht deine Arbeit?" Diese Frage kommt von meinem Vater.
"Alles in Ordnung. Mein Chef ist sehr zufrieden mit mir. Mir wurde jetzt ein neues, anspruchsvolles Projekt anvertraut. Das macht richtig Spaß." Ich trinke einen Schluck Kaffee und sehe meinen Vater erwartungsvoll an.
"Schön, verpatze es nur nicht! Vielleicht sollte ich demnächst eure Firma besuchen und mich mit deinem Chef unterhalten." Vater sieht mich durch seine dicken Brillengläser an, die seine Augen scharf und groß wie Eulenaugen erscheinen lassen. Was habe ich erwartet?
Das Knäuel in meinem Magen meldet sich wieder und ich schnappe nach Luft. Kalter Schweiß rinnt mir den Rücken herunter und ich fühle mich wieder wie das kleine Kind.
"Wenn du meinst…", antwortete ich und versuche, mir meine Anspannung nicht anmerken zu lassen. Danach verläuft das gemeinsame Kaffeetrinken schweigend. Die Männerblicke sind
im Fernseher versenkt. Als es zu dunkeln beginnt, verabschieden wir uns von meinen Eltern. Ich fahre nicht gern im Dunkeln. Dieses Argument akzeptieren meine Eltern unwidersprochen.
"Mama, ich will nicht mehr zu Oma und Opa fahren!" Wir sind gerade nach Hause gekommen. Marika stehen wieder Tränen in den Augen. Ich umarme meine Tochter liebevoll und küsse ihr
Haar. Ihr Kummer ist auch meiner, denn mir geht es genauso.
"Immer sagt Oma, dass ich zu dick bin, und Opa fragt nur nach der Schule. Was anderes interessiert ihn nicht!“
"Ja Mausi, ich weiß. Aber glaube mir, du bist nicht dick! Du bist genau richtig, so wie du bist!“
"Was quengelt denn Marika schon wieder?" Die tief gefurchte Stirnfalte verrät den Unmut meines Mannes. Er lümmelt auf der Couch, den Kopf dem Fernseher zugewendet und schaut das
Fußballspiel zu Ende. Den Ton hat er lauter gedreht, um ja nichts zu verpassen.
"Sie will nicht mehr mitkommen zu meinen Eltern." Entschuldigend zucke ich mit den Schultern.
"Du lässt dir auch alles gefallen! Du musst mal mit der Faust auf den Tisch hauen! Du bist kein kleines Kind mehr! Und dann heulst du mir die Ohren voll. Diese Diskussion hatten wir doch schon!" Peter rollt entnervt mit den Augen.
"Du stehst mir auch nicht gerade bei! Wenn die Beiden mit dir reden, sagst du auch nur Ja und Amen und lächelst höflich! Ich wünschte mir von dir viel mehr Unterstützung und Beistand. Dir ist dein Fußball wichtiger und, dass dein Leben möglichst stressfrei verläuft. Was ist mit uns, mit unserer Ehe, unseren Wünschen und Hoffnungen?" Vor Erregung werde ich immer lauter. Soviel, dass mir schon lange im Kopf herum geht. Mein Mann stellt den Fernseher noch lauter.
"Jetzt werde nicht wieder hysterisch. Dass du immer so übertreiben musst! Gib dich doch damit zufrieden, wie es ist!" Er schüttelt den Kopf.
In mir kocht unbändige Wut hoch. Der Knoten in mir platzt und ich weiß, was ich tun muss. Ich soll mich zufriedengeben?
"Nein! Damit gebe ich mich nicht mehr zufrieden! Ich habe immer wieder versucht, unsere Probleme mit dir zu klären. Aber ich komme mir vor, als wenn ich gegen eine Wand rede. Von dir kommt nichts zurück. So will ich nicht mehr leben! Ich habe es verdient, glücklich zu sein. Seit Längerem denke ich darüber nach, was ich ändern kann. Jetzt weiß ich es! Ich packe ein paar Sachen und verlasse dich! So will ich nicht mehr leben! Marika kann entscheiden, ob sie mitkommen will. Du wolltest, dass ich mit der Faust auf den Tisch haue. Das tue ich hiermit und kündige diese Ehe und dieses Leben auf! Du entschuldigst Marika und mich nächsten Sonntag
bitte bei deinen Eltern!"
Mein Mann starrt auf den Fernseher. Er rührt kein Glied.
»Eine Sache muss ich noch erledigen!« Am Telefon wähle ich die Nummer meiner Eltern.
»Hallo Vater. Marika und ich ziehen zu Hause aus. Die kommenden Wochen werden wir euch nicht besuchen. Ihr verhaltet euch respektlos uns gegenüber. Das klären wir, wenn wir uns wiedersehen. Aber zuerst unternehmen wir eine lange Reise.«
Ich fühle eine unbändige Freude in mir. Marika und ich packen unsere Sachen und verfrachten alles in mein Auto. Mein Herz puckert aufgeregt. Ein neues Leben wartet auf uns.
»Mama, was machen wir jetzt?« Marika klingt ängstlich.
»Mein Schatz, was hältst du von einer Reise ans Meer?« Ich lächele sie aufmunternd an. Sie nickt heftig mit dem Kopf und strahlt freudig zurück. Unser neues Leben wartet auf uns!